Offener Brief an Edmund Stoiber, Ministerpräsident a.D.

Edmund Stoiber (2020)
Edmund Stoiber (2020); © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Wir haben an Edmund Stoiber und die lokale Presse einen offenen Brief geschrieben, zum Klimawandel und auch zu seinem PV-losen Eigenheim. Berichtet wurde darüber im Gelben Blatt. Aber auch Edmund Stoiber selber hat uns geantwortet. Im folgenden findet sich die ganze Korrespondenz:

Offener Brief am 1. April 2022

Sehr geehrter Herr Dr. Stoiber,

wir wenden uns an Sie als weithin respektierter Ehrenbürger unserer Stadt Wolfratshausen. Sie haben unseren Freistaat lange Zeit als Ministerpräsident geprägt und beobachten das Weltgeschehen nun im laufenden 21. Jahrhundert von Ihrem Heimatort aus. Manche Menschen blicken nun zurück auf die vergangenen Jahrzehnte, wenn sie sich über die Gegenwart und über die Zukunft Gedanken machen.

Derzeit findet sich viel Kritik in den Medien an der Energiepolitik Bayerns, die uns in eine 90% Abhängigkeit von russischem Gas geführt haben. “Seit Edmund Stoiber pilgerten die bayerischen Ministerpräsidenten öfter nach Moskau als nach Altötting…” kommentierte beispielsweise bissig der Merkur. Inzwischen ist es weitgehend Konsens, dass diese fatale Abhängigkeit gelöst und erneuerbare Energien auch in Bayern ausgebaut werden müssen. Auch der Arbeitskreis Energiewende der CSU schlägt einen massiven Ausbau von Solar und Windkraft vor – inkl. einem Wegfall der 10H-Regelung.

Die Umsetzung der Energiewende ist auch eine kommunale Aufgabe. Als prominentester Bürger unserer Stadt wissen Sie sicherlich, dass Wolfratshausen 2019 den Klimanotstand ausgerufen hat. Leider gab es seitdem kaum Entwicklung für den Klimaschutz in unserer Stadt. Wir haben lediglich einen Anteil von ca. 15% erneuerbaren Energien und sind damit Schlusslicht mit vergleichbaren Städten in der Region. Es bedarf auch bei uns eines massiven Ausbaus, weswegen wir von WOR For Future  den Fraktionen im Stadtrat auch eine Solaroffensive vorgeschlagen haben.

Uns ist aufgefallen, dass auf Ihrem Haus in Wolfratshausen noch keine Photovoltaikanlage steht. Laut dem Solarkataster der Stadt sind die Bedingungen bei Ihnen dafür hervorragend und Sie können – je nach Ihrem Eigenbedarf an Strom – eine schöne Rendite machen. Wir haben dies alles für Sie mal auf dieser Seite ausgewertet. 

Uns würde es sehr freuen, wenn Sie als Vorbild für viele ganz persönlich die Energiewende in Ihrer Heimatstadt unterstützen. Damit könnten Sie ein Zeichen setzen, das Wirkung entfaltet. Auch eine öffentliche Stellungnahme zur Bekämpfung des Klimawandels in Bayern und zur Bedeutung, die den Kommunen dabei zukommt, hätte sicherlich Gewicht. Ob als Freiheitsenergien oder für den Klimaschutz: beides ist wichtig auch für die Zukunft Ihrer Enkel.

Mit freundlichen Grüßen

WOR For Future


Antwort von Edmund Stoiber am 3. April 2022

Sehr geehrter Herr Dr. Reiners,

alle Staatsregierungen haben sich den rasant steigenden Herausforderungen des Umweltschutzes  für unser Leben mit und nach Ministerpräsident Alfons Goppel (1962 – 1978 ) mit großem Einsatz und Leidenschaft gewidmet. Ministerpräsident Goppel hat 1970 nach seiner Wiederwahl mit Max Streibl den ersten Umweltminister ( Staatsminister für Landesentwicklung und Umweltminister ) in Deutschland gegen die damalige Kritik der Bundesregierung berufen. Nebenbei bemerkt war ich von 1972 bis zu meiner Wahl im Herbst 1974 für den Stimmkreis Miesbach – Wolfratshausen in den Bayerischen Landtag sein persönlicher Referent und Büroleiter und dann Mitglied des neu gegründeten 1. Umweltausschuß des Bayerischen Landtages. Ministerpräsident Dr.h.c. Franz Josef Strauß hat 1984 die Grundlage für die Aufnahme des Umweltschutzes als Staatsziel in die Bayerische Verfassung gelegt !

Die heutigen dramatischen Herausforderungen des Klimawandels und der bis 2045 nach Beschluß der Bundesregierung in Deutschland und  in Bayern nach Beschluß der Staatsregierung bereits  bis 2040 vollzogenen Transformation unserer Industriegesellschaft in eine klimaneutrale Industriegesellschaft sind mir als Großvater von 8 Enkel und 3 erwachsener Kinder auch eine persönliche Verpflichtung.  Was mein kommunalpolitisches Engagement in meinem Stimmkreis anbelangt , habe ich mich grundsätzlich nie in die örtlichen Angelegenheiten der Kommunen und örtlicher Engagements „eingemischt”. Diese formale generelle Zurückhaltung in meiner politischen Arbeit ist in den Kommunen und kommunalen Organisationen grundsätzlich immer sehr geschätzt worden. Bei dieser Haltung möchte ich auch gerne bleiben. Ich unterstütze selbstverständlich die Energiepolitik  und die Umweltpolitik meines Nachfolgers im Amt des Bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Markus Söder. An ihn und die aktive Politik richten sich ja auch Ihre Positionen.

Ihre Anmerkung zu meinem Wohnsitz , die mich etwas verwundert, verkennt die anders lautenden Beratungen  der Heizungs-fachleute. Was Ihre allgemeine kritische Bemerkung zu meinen Gesprächen als ehem. Bayerischer Ministerpräsident mit dem russischen Ministerpräsidenten und Staatspräsidenten  Putin anbelangt, möchte ich nur selbstkritisch anmerken, daß seit dem Untergang der Sowjet – Union  1991 es in Deutschland und auch in Europa einen weitgehenden politischen und auch einen gesellschaftlichen Konsens gab, daß „es Sicherheit und Frieden in Europa nur mit Rußland geben könne“. Diesen allgemeinen Glaubenssatz , dem ich mich auch verpflichtet fühlte, hat Putin mit seinem verbrecherischen Angriffkrieg gegen die Ukraine und gegen die freiheitliche Demokratie generell zerstört. Heute ist dieser „ Zivilisationsbruch“ ein Fall für den internationalen Strafgerichtshof.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr Edmund Stoiber


Antwort an Edmund Stoiber am 8. April 2022

Sehr geehrter Herr Dr. Stoiber,

erstmals vielen Dank für Ihre persönliche, ausführliche Antwort. Sehr gut verstehe ich Ihren Vorsatz, sich nicht in die kommunale Politik “einmischen” zu wollen. Gleichzeitig zeigt aber der soeben erschienene Weltklimaratsbericht (IPCC), wie dringend und verheerend der Klimawandel ist. Uns läuft die Zeit davon. Diese besondere Situation und auch Ihre selbstkritischen Gedanken zum Umgang mit Putin könnten auch Anlass sein, eine Ausnahme von Ihrem Vorsatz zu machen. Nicht im Sinne von Kritik an der lokalen Politik, sondern eher ein Weckruf zur Wichtigkeit einer Energiewende vor Ort – als Gemeinschaftsaufgabe unserer Gesellschaft.

Ihr Wohnsitz wird übrigens vom öffentlichen Solarkataster als sehr gut für Photovoltaik erfasst. Ggf. gibt es hier ein Missverständnis mit Solarthermie, dem Fachgebiet von Heizungsfachleuten. Auch hier könnte Ihr persönliches Vorbild ein enormes Zeichen setzen. Immerhin gibt es immer wieder große Diskussionen zu Photovoltaik – aktuell in Wolfratshausen oder Dietramszell – bei dem die Energiewende gegen den Erhalt unserer Kulturlandschaft gestellt wird. Die größte Gefahr für unsere Kulturlandschaft ist aber nicht das Windrad oder die PV-Anlage, sondern der Klimawandel.

Wir von WOR For Future – bewusst unparteiisch und eine Gruppe von Jung bis Alt – würden uns über einen öffentlichen Impuls im Kampf gegen den Klimawandel sehr freuen. Zuletzt hätte ich noch eine weitere Bitte: dürfen wir Ihre Antwort(en) auf unserer Web-Seite worforfuture.de veröffentlichen?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Jan Reiners im Namen von WOR For Future


Antwort von Edmund Stoiber am 9. April 2022

Sehr geehrter Herr Dr. Reiners,

vielen Dank für Ihr erneutes Schreiben. Mein großer Respekt für Ihr politisches und gesellschaftliches Engagement für die Erreichung der Ziele des Pariser Weltkimaabkommen vom 12. Dezember 2015 auch durch lokale Initiativen wie „WOR For Future“ steht außer Zweifel ! Mein persönliches Engagement für die gemeinsamen Ziele bringe ich als ehem. langjähriger Ministerpräsident und Ehrenvorsitzender der CSU auf Landes – und Bundesebene im Rahmen meiner Möglichkeiten ein.

Ich möchte nur auf die einschlägigen Beschlüsse der Bayerischen  Staatsregierungen besonders unter Ministerpräsidenten Horst Seehofer und aktuell Markus Söder – die ich natürlich unterstütze – und die  Beschlüsse des Vorstandes der CSU , dem ich  als Ehrenvorsitzender angehöre und immer zugestimmt habe , hinweisen. Darauf habe ich mich in meinem Antwortschreiben auf Ihren offenen Brief bezogen .

Im übrigen bin ich schon überrascht, wie sehr Sie sich um mich persönlich als Bürger in Wolfratshausen sorgen. Was Ihre Bitte anbelangt, meine Antwortschreiben auch für Ihre Web Seite verwenden zu können, stimme ich zu und habe ich keine Einwendungen. Das finde Ich übrigens auch sehr  respektabel im Umgang miteinander und heute leider gar nicht mehr so selbstverständlich.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr Edmund Stoiber

Auswertung des Hauses von Edmund Stoiber
Auswertung im Solarkataster des Hauses von Edmund Stoiber.

3 Kommentare

  1. Guten Tag – oder muß man sich gem. ihres Names in engl. Sprache mit Ihnen verständigen? Ein einfaches WOR – FÜR UNSERE ZUKUNFT klingt jedenfalls besser.
    Ich habe der Presse entnommen, dass Ihr Verein o.ä. die Daten von Dr. Stoibers Haus aus dem Katasteramt haben. Das ist m.E.n. schwierig zumal Sie dann das Haus in der Presse zeigen lassen.
    Noch eklatenter ist es anderen Menschen Ihre evtl. richtige Meinung in derart negativer Form aufpropfen zu wollen. Vielleicht sollte ich mich in Ihrer Verwaltung auch um Bilder Ihrer Häuser bemühen um sie dann zu veröffentlichen.

    1. Hallo Herr Rauschert,
      Danke für Ihren Kommentar und das Sie den Weg zu unserer Webseite gefunden haben. Unser “for Future” soll bewusst unsere Verknüpfung mit all den anderen internationalen und nationalen for Future Bewegungen darstellen – beispielsweise Friday For Future, Parents For Future, Grandparents For Future, Scientists For Future usw.. Monat für Monat gehen 100.000-de Menschen auch in Deutschland in dieser Bewegung für den Klimaschutz auf die Straße, auch wenn das nicht immer sehr präsent in den Medien ist.

      Betreffend des offenen Briefs an Herrn Stoiber: hier scheinen Sie etwas missverstanden zu haben. Die Daten sind öffentlich im Solarkataster des Landkreises – sprich jeder Bürger kann diese jederzeit einsehen. Auch Sie selber können für Ihr Heim das PV-Potential ermitteln und können auf meinem Haus sehen, dass ich PV installiert habe. Wir haben keine Adresse oder Bilder veröffentlicht, aus denen sich die konkrete Adresse von Herrn Stoiber ermitteln lässt. Wie Sie hier dem Dialog mit Herrn Stoiber entnehmen können, hat Herr Stoiber diesen auch nicht als negativ wahrgenommen.

      Zum letzten Punkt “Meinung”: der gerade erschienene Bericht des Weltklimarats, also dem besten Wissen was der Menschheit zur Verfügung steht ist sehr eindeutig: Wir haben noch gut 10 Jahre Zeit um die schlimmsten Klimafolgen abzuwenden und Photovoltaik ist einer der Hebel. Es ist also viel mehr als eine “Meinung”, sondern Fakt und wir von WOR For Future kämpfen dafür, dass endlich auch in unserer Stadt was passiert. Gleichzeitig hat die Politik u.a. der CSU, zeitweise federführend unter Herrn Stoiber, dazu geführt, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien stagniert und wir in Bayern zu 90% von russischem Gas abhängig sind. Da Herr Stoiber eine öffentliche, meinungsstarke Person ist, ist es aus unserer Sicht daher nur Recht und Billig, Ihn auch an seine Vorbildfunktion zu erinnern. Allein, dass Sie sich damit auseinandersetzen, scheint ja etwas zu bewirken.

      Mit freundlichen Grüßen
      Jan Reiners

  2. Als elder statesman, der nicht mehr im Getümmel steht, vertut Edmund Stoiber eine dicke Chance: Privat und doch noch weithin wahrgenommen könnte er ein vorbildliches Zeichen setzen! Das könnte mehr bewirken als Verlautbarungen in Parteiprogrammen oder Druck per Vorschrift. Lieber nimmt Stoiber Rücksicht – worauf eigentlich? Ihm fehlt aber von Haus aus die ökologische Ader, da mag er noch so bürokratisch aus der Historie bayerischer Umweltpolitik vortragen. Übrigens hat er sich als Minister und Landesvater in seinem Stimmkreis sehr gern zu teils kleinlichen Angelegenheiten geäußert, die ihn wenig angingen.
    Was die moralische Empörung über Putin betrifft: Die hätte Stoiber schon viel früher einfallen sollen (Tschetschenien, Georgien, Krim, Syrien). Schon da gab/gibt es den von Stoiber beschworenen “Zivilisationsbruch”. Das war ja immer schon jeder Angriffskrieg, auch im Namen der USA. In der Ukraine herrscht genauer gesagt ein gewöhnlicher Machtinteressen-, Wirtschafts- und Rohstoffkrieg.
    Noch etwas zur Sprachkritik von Herrn Rauschert: Ja, dieses “For Future” ist abgenutzt und nervt allmählich. Außerdem ist es falsches Englisch (richtig: the future). “WOR für unsere Zukunft” wäre schon mal besser.
    Nachhaltig grüßt
    Franz Schiffer

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