Ein Buch als „Rache“ – ein Tauchgang in die Welt der Klima-Skeptiker
An anderen Stelle haben wir bereits klassische Klimawandelskeptiker-Argumente beleuchtet. Nun hat mein Onkel, mit dem ich seit Jahren hitzig über den Klimawandel diskutiere, ein Buch geschenkt – als “Rache“ für mein Geschenk „Männer, die die Welt verbrennen“ von Christian Stöcker. Es geht um das Buch „Was Sie schon immer über den Klimawandel wissen wollten, aber nicht zu fragen wagten“ von Axel Bojanowski.
Bojanowski ist ein bekannter und durchaus umstrittener deutscher Wissenschaftsjournalist bei Die Welt. Auch tritt er regelmäßig in Talkshows wie Lanz als „Experte“ auf. Das Buch erschien bereits 2024, aber Bojanowski schreibt seit 2026 auch eine Klima-Kolumne bei der BILD, womit seine Haltung allein durch seine Reichweite auch heute relevant ist.
Der Autor nennt sich selbst einen rationalen Verteidiger wissenschaftlicher Unsicherheit. Obwohl er den menschengemachten Klimawandel anerkennt, wirft er der Forschung und dem Journalismus politisch motivierte Dramatisierung vor1. Renommierte Klimaforscher wie Rahmstorf und Levermann beschuldigen Bojanowski hingegen, durch methodische Faktenverzerrung systematisch Desinformation zu betreiben2,3,4. In seinen Artikeln wurden ihm mehrfach Fehler nachgewiesen5,6,7,8, oft ohne dass diese korrigiert wurden. Klimaskeptiker feiern ihn dagegen als mutigen Aufklärer gegen eine vermeintliche „Klimahysterie“9.
Manipulation erkennen
Daher war ich bei der Lektüre des Buchs zunächst voreingenommen – aber man sollte sich auch mit Meinungen außerhalb seiner Blase auseinandersetzen. Also: Herausforderung angenommen.
Erstaunlicherweise machte mir die Lektüre mehr Spaß, als ich erwartet hatte. Zwar beschreibt der Inhalt im Wesentlichen den normalen wissenschaftlichen Erkenntnisprozess: Dass man früher weniger wusste als heute, ist banal. Doch dass der Autor oft den aktuellen Stand der Wissenschaft ausspart, wirkt manipulativ – so viel zum Titel „Was Sie schon immer wissen wollten“. Ein skeptischer Leser fühlt sich bestätigt, ein unsicherer Leser wird Maßnahmen gegen die Klimakrise danach ebenfalls skeptisch gegenüberstehen. Neben Bojanowski gibt es viele andere öffentliche Personen, die diese Zweifel schüren.
Daher geht es im Folgenden weniger um den Autor selbst, sondern um die in meiner Sicht verwendeten manipulativen Techniken. Dazu verwende ich die „Shitmove“-Kategorien aus dem gleichnamigen Buch von Iris Gavric und Matthias Renger. Ein Shitmove ist eine manipulative rhetorische Technik, die darauf abzielt, eine sachliche Diskussion durch persönliche Angriffe, logische Fehlschlüsse oder gezielte Desinformation zu sabotieren.
Der Selektive Quellen Shitmove: Zitate von Experten gezielt kürzen
Ein effektiver Shitmove besteht darin, Zitate von Experten gezielt zu kürzen, um die Aussagen des Autors zu stützen. Bojanowski tut dies häufig, meist ohne Quellenangabe. Gleichzeitig stellt er auch nicht den aktuellen Wissensstand dar. Stattdessen rekapituliert er vergangene wissenschaftliche Kontroversen, als das Wissen noch begrenzter und die Unsicherheit größer war. Dabei zitiert er Wissenschaftler von damals, ohne deren spätere Position wiederzugeben.
Der Trick: Wenn selbst Nobelpreisträger oder angesehene Wissenschaftler zweifeln, muss man skeptisch sein, oder?
Er wirft James Hansen vor, mit seiner Senats-Anhörung 1988 eine politisierte Dramatisierung gestartet zu haben, deren Vorhersagen “gemogelt” und “Extremszenarien” gewesen seien und seine Klimamodelle von mieser Qualität. Dazu zitiert er “pikierte” Klimaforscher wie Tim Barnett, die die Ergebnisse “lächerlich” fanden. Der Nobelpreisträger Klaus Hasselmann wird später so zitiert, als hätte er in Science 1997 selbst noch am menschlichen Einfluss gezweifelt. Unterschlagen wird, dass Hasselmann in der selben Publikation mit dem Zitat des IPCC als wahrscheinlich einstuft10.
Hansen hatte bereits 1981 eine in der Wissenschaft wenig umstrittene Studie zum CO2-Anstieg in der Atmosphäre publiziert, laut der sich die “durch Menschen verursachte Erwärmung aufgrund von Kohlendioxid sich bis zum Ende des Jahrhunderts vom Rauschen der natürlichen Klimaschwankungen abheben dürfte“. Im Jahr 1988 präsentierte er dem Senat drei verschiedene Pfade für die Zukunft. Hansens Szenario B, das der tatsächlichen Entwicklung der Treibhausgase am nächsten kommt, traf die reale Erwärmung der folgenden Jahrzehnte verblüffend genau. Forscher wie Tim Barnett waren 1988 noch skeptisch, weil er fand, dass Hansens Beweise statistisch noch zu dünn waren. Dieses Indiz lieferte Klaus Hasselmann, der seit 1979 eine mathematische Methode entwickelt hatte, mit der man wie bei einem Fingerabdruck am Tatort beweisen kann, dass die aktuelle Erderwärmung vom Menschen verursacht wird und keine natürliche Schwankung der Natur ist. Den statistisch finalen Beweis lieferte Hasselmann dann 1997. Barnett selber lieferte später (2005) auch noch mit seiner Forschung zur Erwärmung der Ozeane selbst Beweise für den menschlichen Einfluss. Er hat Hansen also nicht widerlegt, sondern dessen Thesen Jahre später mit noch besseren Daten bestätigt.
Der IPCC kam – auch auf Basis seiner Arbeit, aber auch anderer Publikationen – in seinem 2. Bericht 1995/1996 daher schon zum Schluss: “…the balance of evidence suggests that there is a discernible human influence on global climate.” (zu deutsch: Die Gesamtheit der Beweise deutet darauf hin, dass es einen erkennbaren menschlichen Einfluss auf das globale Klima gibt). Heute – 30 Jahre später – liegt diese wissenschaftliche Sicherheit hierfür bei über 99 %.
Bojanowski nutzt hier eine Jahre alte Fachdebatte über das extremste Klimaszenario (RCP 8.5). Dieses Modell wurde 2010 als „absoluter Worst Case“ entwickelt. Es gilt heute als unwahrscheinlich, weil es eine massive Rückkehr zur Kohle voraussetzt, die so nicht stattfindet. Zudem arbeitet die Wissenschaft längst mit moderneren Modellen (den sogenannten SSPs). Experten wie Zeke Hausfather oder Glen Peters werden als Kronzeugen gegen dieses Szenario selektiv zitiert. Bojanowski nutzt diese Kritik als „Beweis“ dafür, dass die gesamte Klimawissenschaft auf einem Betrug basiere und die Medien/Politik uns mit falschen Szenarien „austricksen“. Er bebildert das sogar mit einer Grafik, deren Inhalt jedoch nicht das kritisierte RCP8.5 enthält (sondern die moderne SSP). Auch verschweigt er, dass dieselben Experten trotz der Kritik an RCP 8.5 massiv vor den globalen Instabilitäten warnen, die bereits bei „moderaten“ Klimaszenarien (2-3°C) drohen und auch die Varianz dieser Pfade mit RCP8.5 überlappt. Unsicherheit über ein Extremszenario bedeutet keine Entwarnung für die Klimafolgen.
Wissenschaftliche Nuancen über die Eintrittswahrscheinlichkeit werden zur „erkämpften Drohkulisse“ umgedeutet. Bojanowski zitiert Forscher wie Jochem Marotzke oder Zeke Hausfather, die vor einer “Überdramatisierung” bei Kipppunkten warnen und den IPCC, der von geringer Evidenz spräche. Er nutzt dies, um die Glaubwürdigkeit anderer Forscher wie Rockström und Wissenschaftler am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung zu untergraben.
Weder die zitierten Forscher noch der IPCC bestreiten die Gefahr von Kipppunkten. Im aktuellen AR6-Bericht warnt der IPCC sogar explizit vor „Low-likelihood, high-impact events“. Dass die Vorhersage solcher komplexen Ereignisse methodisch schwieriger ist („low confidence“ = Vertrauen in die Datenlage), deutet Bojanowski fälschlich als „Wahrscheinlichkeit“ und damit als Beleg für deren Ungefährlichkeit um.
Die Label- und Quasi-Shitmoves: implizite Unterstellung von Unaufrichtigkeit
Durch Begriffe wie “Sündenfall“, “Trick“, “Manöver” und “Inszenierung” wird dem gesamten Klimaschutz-Diskurs eine Aura des Unehrlichen angehaftet, ohne die inhaltlichen Argumente direkt zu widerlegen. Gleichzeitig wird die moralische Integrität von Wissenschaftlern und Institutionen angegriffen, um ihre Position entwerten zu können, ohne sie inhaltlich widerlegen zu müssen.
Der Trick, seit der Antike auch als ad hominem bekannt: Ich sage nicht, dass die Klimaforschung oder Klimabewegung falsch ist, aber ich beschreibe die Akteure so, dass du ihnen nicht mehr vertrauen willst.
Kooperationen zwischen Forschung und NGOs (Greenpeace, WWF, …) werden vorab als „Korruption aus edlem Grund“ stigmatisiert und impliziert, dass diese den IPCC-Bericht manipuliert hätten, um politischen Zielen zu dienen. Die Integrität der Forschung bemisst sich aber an ihrer Methodik (insbesondere im Peer-Review-Verfahren), nicht an einer “Kontaktschuld” einzelner zu NGOs oder Politik. So kann man die inhaltlichen Argumente anderer im Buch zitierte “skeptischer” Wissenschaftler wie beispielsweise Robert Pielke Jr. oder Richard Lindzen nicht vom Tisch wischen, nur allein weil sie von konservativen Think Tanks bezahlt oder von fossilen Unternehmen wurden.
“Geheime” Treffen von Gates oder Bloomberg werden als Startpunkt einer „Weltregierung“ gerahmt. Black Rock erzwingt die ESG Kriterien. Auch der Journalismus und selbst das Bundesverfassungsgericht nehmen ihre eigenen Prinzipien nicht mehr genau, sondern übernehmen ungeprüft die Argumente der “Klima-Lobby”. Klimaschutz erscheint so nicht als physikalische Notwendigkeit, sondern als strategisches Manöver einer superreichen Elite.
Philanthropische Initiativen zur Koordination von Spenden sind weder neu noch geheim. Eine legitime Kapitalismuskritik an einzelnen Akteuren wird hier missbraucht, um physikalische Fakten zu diskreditieren, die völlig unabhängig vom Kontostand einzelner Akteure existieren. Und auch das Gericht hat sich nicht von privaten Interessen leiten lassen, sondern von den wissenschaftlichen Fakten eines offiziellen Beratergremiums, um unsere Freiheit in der Zukunft zu sichern. Dass dieser Weg juristisch absolut richtig ist, zeigen auch neuere Urteile auf europäischer Ebene (etwa durch den EuGH), die Klimaschutz klar als rechtliche Verpflichtung zum Schutz der Menschenrechte bestätigen.
Am Ende ist das Ganze eine klassische Verschwörungstheorie: Hier werden reiche Stiftungen, offizielle wissenschaftliche Gutachten und politische Prozesse einfach zu einem geheimen Plan einer „Elite“ umgedichtet, um von der harten physikalischen Realität des Klimawandels abzulenken.
Die Warnungen der Munich Re werden als rein wirtschaftliches Kalkül dargestellt, um „Preiserhöhungen zu rechtfertigen“. Es wird behauptet, die „Lobby der Erneuerbaren“ hätte die fossile Industrie finanziell längst „abgehängt“. Es werden Summen von Hunderten Millionen Dollar für Klimastiftungen genannt, um eine Übermacht der „Klimalobby“ zu suggerieren, die den Diskurs beherrscht und deren Gedquellen “nebulös” seien. Er zitiert aus dem Lobbyregister des Bundestages 2020 und stellt die Stiftung Klimaneutralität mit 2,5 Mio EUR Budget gegenüber BMW mit “nur” 1,8 Mio EUR Budget.
Die Behauptung einer finanziellen Übermacht der Erneuerbaren und Klimalobby ist ein absurdes Hütchenspiel mit Zahlen. Auswertungen der Daten der Weltbank ergeben, dass die fossile Öl- und Gasindustrie einen Gewinn von 3 Milliarden Dollar pro Tag(!) erwirtschaftet11. Seit 1970, inflationsbereinigt. Während Klimastiftungen Millionen investieren und auch bisweilen öffentliche Mittel erhalten, wird die fossile Industrie laut IWF dennoch jährlich mit Milliarden subventioniert. Davon wandert viel wieder in Einflussnahme: die Organisation OpenSecrets ermittelte allein für die USA im Durchschnitt der letzten 20 Jahre ~140 Millionen Dollar pro Jahr für Öl und Gas-Lobbying.12
Und in Deutschland? Das Zitat aus dem Lobbyregister 2020 ist auf mehreren Ebenen perfide:
1. Das offizielle, verpflichtende Lobbyregister des Bundestages existierte noch gar nicht (erst ab 2022).
2. BMW finanziert auch den Verband der Automobilindustrie (Budget 2020: 10 Mio EUR).
3. Ein guter Journalist hätte auch die Studie aus 2023 des Vereins LobbyControl zitieren können, der allein für die Gasindustrie 40 Mio EUR ermittelt hat.13
Die Lobby- und PR-Budgets der Öl- und Gaskonzerne zur Verzögerung von Klimaschutzmaßnahmen übersteigen die Mittel von NGOs bei Weitem – hier wird die reale Machtverteilung massiv verzerrt.
Der Twist-Shitmove & der Opfermove: Das Verdrehen von Ergebnissen
„Unpassende“ wissenschaftliche Instrumente und Daten werden bewusst missverstanden oder karikiert. In die eigene Erzählung „passende“ Daten werden dagegen sehr unkritisch dargestellt. Und werden diese Daten von der Fachwelt nicht akzeptiert, müssen deren Vertreter in Bojanowskis Logik zwangsläufig mutige Abweichler sein, die vom ‚wissenschaftlichen Establishment‘ gezielt ausgebremst werden.
Der Trick: Wenn Wissenschaftler von Medien oder mächtigen Institutionen (Weißes Haus, IPCC) ignoriert werden, müssen sie wohl einen wunden Punkt getroffen haben – egal, ob die Daten methodisch angreifbar waren oder nicht.
Der Autor behauptet, der Forscher Pielke Jr. habe nachgewiesen, dass es keinen statistischen Zusammenhang zwischen Klimawandel und steigenden Katastrophenschäden gebe. Wer dem widerspreche (wie die Munich Re, der Deutsche Wetterdienst oder der IPCC), tue dies aus politischem Kalkül oder um „Drohkulissen“ aufzubauen. Pielke wird als Opfer einer „Verleumdungskampagne“ der „Klimalobby“ dargestellt. Der Text nutzt auch an anderer Stelle den Rückgang der Totenzahlen bei Katastrophen, um zu behaupten, die Gefahr durch Extremwetter sei gar nicht gestiegen.
Pielke Jr. nutzt hier einen methodischen Kniff: Er nutzt zum einen historisch unsichere Daten und schaut dann primär auf ökonomische Schäden (normalisiert nach BIP). Dass diese nicht so schnell steigen wie die CO₂-Kurve, liegt an vielen Faktoren: an besserem Katastrophenschutz und Infrastruktur, an der Definition, besserer Erfassung heutzutage und Statistik von Extremereignissen, an willkürlicher Normalisierung und vielen mehr. Ironischerweise erhöhen die Schäden sogar den BIP, was rein ökonomische Metriken als Maßstab für ökologische Katastrophen noch absurder macht. Das alles ist kein „Beweis“ gegen den zunehmenden Klimawandel.
Die sehr bekannte Risikografik des Weltklimarats (IPCC) – das sogenannte „Burning Embers“ Diagramm (brennende Glut) – zeigt in farbigen Balken, wie die Gefahren für Mensch und Natur mit jedem Grad Erwärmung von Gelb nach tiefem Violett steigen. Diese Risikografik wird als „politisches Meisterstück“ verspottet, das auf „Bauchgefühlen“ basiere. Der Autor zeigt dazu eine alte Grafik und zitiert dazu auch selektiv Wissenschaftler sowie aus einem 17 Jahre alten Bericht des niederländischen Umweltministeriums (PBL). Die PBL kam eigentlich seinerzeit zu dem Schluss, dass die Hauptaussagen des IPCC über regionale Auswirkungen keine signifikanten Fehler enthalten, die die Gesamtschlussfolgerungen infrage stellen würden. Allerdings empfahlen sie mehr Transparenz (einschließlich Unsicherheiten, Risikobewertungsmethodik, Worst Case Szenarien)
Seit der ersten Version im Jahr 2001 wurde die Grafik in jedem IPCC-Bericht (zuletzt AR6, 2021) massiv mit neuen Daten unterfüttert und verbessert. Die „Unsicherheit“, die Bojanowski als „Aussparung“ kritisiert, wird in den Originalen durch präzise Confidence-Level (Vertrauensstufen) angegeben. Die Grafik sagt nicht, dass nur das Klima schuld ist, sondern wie das zusätzliche Risiko durch die Erwärmung steigt. All das lässt der Autor unter den Tisch fallen.

Hinter der Fassade der Zweifel: meine Bilanz
Diese Beispiele sollen nur einen Eindruck der Manipulation in diesem Buch geben – auf den gut 300 Seiten gibt es viele weitere Shitmoves. So wird – um ein falsche moralisches Dilemma zu erzeugen – das tragische Schicksal der Holocaust-Heldin Irena Sendler (S. 83) erzählt, der dann der “reiche Politiker” Al Gore quasi den Nobelpreis weggeschnappt hat14. Das hat mit der Klimaforschung rein gar nichts zu tun und verdeutlicht für mich nochmals, dass Axel Bojanowski die Klaviatur der emotionalen und rhetorischen Manipulation perfekt beherrscht.
Es geht im Buch nicht um sachliches Auseinandersetzen von Klimaforschung oder -politik, sondern entspricht exakt dem Drehbuch der Tabaklobby: „Doubt is our product“. Ziel ist nicht Aufklärung, sondern der Zweifel. Um Entscheidungen so lange zu lähmen oder sogar zurückzunehmen, bis es zu spät ist.
Diese Klaviatur der Manipulation erleben wir auch von anderen Akteuren – sei es bei der aktuellen Energiepolitik, beim bereits begonnen sturmreif schießen des europäischen CO2-Preises und wird mit Sicherheit auch wieder laut werden, wenn das Bundesverfassungsgericht sein nächstes Urteil bei Klimaklagen verkündet.
Vom Recht-behalten zum Erkenntnisgewinn: Ein Plädoyer für Selbstreflexion
Wird das meinen Onkel nun überzeugen? Ich fürchte leider nicht. Ob jemand die Folgen des menschengemachten Klimawandel akzeptiert15, hängt laut Studien weniger von der Intelligenz als vielmehr von der Übereinstimmung mit dem eigenen sozialen Milieu ab (der Confirmation Bias). Rhetorisch geschickte und intelligente Menschen neigen sogar stärker dazu, ihre Positionen zu verteidigen, anstatt sie selbstkritisch zu hinterfragen. Sie unterliegen dem Trugschluss, sie seien immun gegen Denkfehler.
“Den Denkfehler machst du doch grad auch!” , “Aber selber!” (auch ein rhetorischer Shit-Move 🙂) – Aber ja, auch ich habe wie jeder einen Confirmation Bias. Bojanowski baut sein Framing auch jeweils um einen wahren Kern drumrum – auch wenn fast alles alte wissenschaftliche Diskussionen sind. Klar übertreiben auch Medien bisweilen wissenschaftliche Ergebnisse. Und ja, natürlich gibt es auch Shitmoves aus der Klimaszene, auch bei Stöcker (siehe P.S). Basiert die Angst vor Klimafolgen immer auf wissenschaftlichen Erkenntnissen oder ist das bisweilen auch ein dystopischer Shitmove?
Das Schöne an Wissenschaft ist, dass mit jedem neuen Datenpunkt die Unsicherheiten geringer werden. Auch das sieht man am Text von Bojanowski: er muss sichtlich die Diskussionen der Vergangenheit bemühen. In diesen gut 40 Jahren sind viele neue Datenpunkte bei der Klimawissenschaft dazu gekommen und die aktuellen Daten lassen leider keine Entwarnung zu. Auch bei den Maßnahmen gegen die Erderhitzung wissen wir heute gut Bescheid.16
Daher ist es umso wichtiger, dass jeder sich dessen bewusst ist, was Rhetorik und was das sachliche Argument. Statt neue Informationen grundsätzlich zu verneinen, sollte man die eigene Meinung auf dieser sachlichen Basis reflektieren. Denn wer seine Meinung ändert, verliert nicht sein Gesicht, sondern gewinnt an Erkenntnis.
P.S.
Um mir die Recherche zu diesem Post leichter zu machen, habe ich mir mit der KI Gemini von Google einen “Shitmove Detector” gebaut, den ihr gern nutzen könnt. Im Sinne einer Gegenprobe: man findet Shitmoves auch im Buch von Stöcker. Aber ich habe den Eindruck, dass es einen Unterschied gibt: Stöcker mobilisiert mit Rhetorik. Bojanowski täuscht mit Rhetorik – das ist eine andere Liga.
Updates
- 26.3.2026: Erstveröffentlichung
- 30.3.2026: (danke für den Hinweis an meinen Onkel 🙂)
- Korrektur 140 Mio statt 140 Mia USD Lobbygeld
- P.S. mit Shitdetektovergleich konkretisiert.
- 2.4.2026: ergänzende Fußnoten
Quellen und Referenzen
- Axel Bojanowski, 2019: Die Homogenisierung der Klima-Berichterstattung ist ein Problem, Quelle ↩︎
- Stefan Rahmstorf, 2006: Fehler im Artikel “Rüpeleien unter Klimaforschern” von Axel Bojanowski ↩︎
- Stefan Rahmstorf, 2023: Die Klimadebatte – Zwischen Wissenschaft, Querdenkern & Populisten auf re:publica ↩︎
- Anders Levermann, 2023 auf Twitter: “”Er verdreht und verzerrt seit Jahrzehnten Fakten, um, wie ich nur vermuten kann, eine Stabilisierung des Klimas zu beenden. Das hat mit Journalismus meiner Auffassung nach nichts zu tun, sondern ist reine Ideologie” Quelle ↩︎
- Jan Hegenberg, 2021: WELT will Klimawandel verharmlosen & nutzt dafür Studien, die das Gegenteil belegen, Quelle ↩︎
- Volksverpetzer-Team 2022: WELT lässt Klimakrise-Leugner Fake News unwidersprochen verbreiten – Faktencheck, Quelle ↩︎
- Bayrischer Rundfunk 2024: #Faktenfuchs: Was wir über Kipppunkte wissen – und was nicht. Quelle ↩︎
- Politico 2025: Fact-check: Did the European Commission really pay NGOs to lobby for the Green Deal? Quelle ↩︎
- Michael Miersch 2024: Der Aufklärer. Quelle ↩︎
- Klaus Hasselmann, Science 1997: Are We Seeing Global Warming? Quelle ↩︎
- Aviel Verbruggen, 2022: The geopolitics of trillion US$ oil & gas rents. International Journal of Sustainable Energy Planning and Management, 36, 3–10. Quelle ↩︎
- OpenSecrets: Oil and Gas Lobby based on Federal Election Commission data Quelle ↩︎
- LobbyControl 2023: Pipelines in die Politik: Die Macht der Gaslobby in Deutschland. Quelle ↩︎
- Al Gore und Irena Sendler 2007: Bojanowski hat das Rad hier nicht neu erfunden, sondern übernommen. Ur-Quelle ist Fox News, die Geschichte ging kurz darauf als Kettenbrief (E-Mail/Social Media) um die Welt, daher untersuchte das Fact-Checking-Portal Snopes die Behauptungen. Snopes weist darauf hin, dass es keine offizielle “Shortlist” gibt, auf der Sendler gegen Gore verlor, und dass die Gegenüberstellung ein rhetorisches Manöver ist. Auch in deutschen rechts-populistischen Blogs (AchseDesGuten u.a.) wird dieses falsche Dilemma verbreitet. ↩︎
- Klimaskepsis: beim heutigen Stand bezweifeln die Skeptiker nicht, dass sich das Klima wandelt, sondern zweifeln an der Alternativlosigkeit der Maßnahmen und der Schwere der lokalen Auswirkungen. Unter ‚Akzeptanz der Folgen‘ ist hier daher nicht nur das bloße Anerkennen physikalischer Veränderungen zu verstehen, sondern auch die wissenschaftliche Einordnung ihrer Bewältigbarkeit. Während Skeptiker oft auf rein technische Anpassung (Adaption) mit viel Zeit setzen (Stichwort “Technologieoffenheit”), betont die Klimaforschung die physikalischen Grenzen dieser Anpassung, sobald Kipppunkte überschritten werden und die derzeit statt findende Beschleunigung der Erderhitzung . ↩︎
- Beispiel Energiewende: Fast ein Mantra in gewissen Skeptikerkreisen ist die Kritik an der Energiewende und deren “zu hohe” Kosten. Die Zweifel mögen vor 10-15 Jahren noch ihre Berechtigung gehabt haben, halten aber heutigen wissenschaftlichen Bewertungen schon lang nicht mehr stand. Tatsächlich ist belegt, dass unsere frühen Investitionen die globalen Kosten für Erneuerbare um bis zu 90 % gedrückt haben, was diese zur weltweit günstigsten Energiequelle gemacht (z.B. Nemet 2019). Inzwischen sind weltweit 90% der zugebauten Leistungen erneuerbare Energien (z.B. IEA 2024). Zudem fungierten Wind und Solar gerade in den jüngsten Energiekrisen als entscheidender Preisdämpfer, der uns vor weitaus höheren Kosten für fossile Importe bewahrt und die ökonomische Resilienz massiv gestärkt hat (laut IRENA in 2024 global 467 Mia USD vermiedene Kosten, andere Quellen -20% des Börsenpreises uvm.). Es gibt sachlich kaum noch Argumente gegen erneuerbare Energien, weswegen alle IPCC-Szenarien und die IEA deren Ausbau vorhersehen. ↩︎

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