Vision: Energie und Wärme vor Ort produziert

PV in Wolfratshausen
Wolfratshausen als Photovoltaik-Stadt? Quelle: Fotokonstruktion Jan Reiners

Energiewende vor Ort

Auf Energie können wir nicht verzichten. Sie ist die entscheidende Grundlage für wirtschaftliche und soziale Entwicklung. Derzeit wird diese Energie aber überwiegend mit fossilen Quellen erzeugt und ist damit die Hauptursache für den Klimawandel. Die Energiewende bildet daher das Fundament für eine Klimawende, die sozial gerecht ist und den Wohlstand nicht gefährdet. 

Dabei wird Strom eine entscheidende Rolle spielen: Der Strombedarf wird um bis zu 1,5-fach zunehmen, da durch die sogenannte Sektorenkopplung neben dem konventionellen Strombedarf unter anderem noch Mobilität (E-Autos) und Wärme (Wärmepumpen) als Verbraucher hinzukommen. 

Die Stadt Wolfratshausen verbraucht heute gut 77 Gigawattstunden Strom pro Jahr (2019). Das entspricht Stromkosten von gut 26 Millionen Euro für die Haushalte und die Wirtschaft vor Ort. Und da der Strombedarf steigen wird, steigen auch diese Ausgaben auf ca. 40 Millionen Euro bis 2035. Gleichzeitig verantworten wir heute mit unserem Stromverbrauch  37.345 Tonnen CO₂ (bei deutschem Strommix 2021). Die durch die Emission verursachten Schäden lassen sich auf etwa 7,5 Millionen Euro beziffern. Zusammengerechnet zahlen wir Wolfratshauser also schon jetzt jedes Jahr  über 33 Mio € für Klimaschäden, an Konzerne oder in Ölländer. [Quellen und Kalkulation hier einsehbar

Geht das auch anders?

Kann man mittels kommunaler Wertschöpfung jeweils Gewinne, Einkommen und Steuern vor Ort generieren? Und gleichzeitig der Umwelt helfen? Ja, das kann man schon heute.

Wildpoldsried im Allgäu produziert schon heute fast acht Mal so viel erneuerbaren Strom wie es selbst braucht – und nimmt damit jährlich 6,5 Millionen Euro ein. Unsere Nachbarn in Berg am Starnberger See versorgen sich zu 100% selbst mit Strom und deren Bürgerwind Berg GmbH schüttet 5-10% Rendite jährlich aus (2019 waren es 500 Euro für Anteilseigner mit Mindestanteil). Pfaffenhofen an der Ilm, die eine Klimaneutralität bis 2035 beschlossen hat, liegt derzeit bei 66% Eigenversorgung. Die Pfaffenhoferner haben in ihrem Klimaschutzkonzept 2.0 den Weg vorgezeichnet, wie sie die 100% Eigenversorgung erreichen wollen. 

Dies alles sind Gemeinden in Bayern mit zum Teil deutlich weniger Einwohnern als Wolfratshausen. Auch Landshut, Amberg und viele weitere Städte und Gemeinden haben sich auf den Weg gemacht. Die Energie vor Ort wird günstiger. Privat-Haushalte und Wirtschaft vor Ort profitieren. 

Ist dies für Wolfratshausen auch möglich? Im Energiesparplan wurden bestehende 9 GWh/Jahr erneuerbare Energien in der Stadt ausgewiesen. Das schon lange geplante Wasserkraftwerk in Farchet erbringt jährlich 6,5 GWh, ein Restwasserwerk am Kastenmühlwehr kann weitere 1,2 GWh/Jahr erbringen. Eine in Planung befindliche Freiflächen-PV-Anlage am Bergwald wird weitere 3,6 GWh/Jahr beitragen. Im Energiesparplan wurden 31 GWh/Jahr an technischem Potential für Dach-PV-Anlagen festgestellt (tech. Stand 2016). Man findet aber mittels GoogleMaps und des Solarkatasters des Landkreises auch riesige brachliegende Flächen im Gewerbegebiet. Beispielsweise auf den Haupt Pharma-Dächern, bei XXL-Lutz oder Eagle Burgman könnten jährlich 2- bis 3-stellige GWh an Strom erzielt werden.

 

Die Kommunen sind die Orte, wo in Zukunft unsere erneuerbaren Energien herkommen werden. All die Gemeinderäte, Stadträte und Bürgermeister sollten sich die Energiewende unter ihren Nagel reißen.


Prof. Harald Lesch, Physiker und Fernsehmoderator

Welche Lösungen gibt es denn schon, um dieses Potential gemeinschaftlich zu heben? 

Es braucht dazu einen Akteur in der Stadt, der die entsprechende Kompetenz aufbaut.  Die meisten Kommunen befähigen dazu die eigenen Stadtwerke. In Kombination mit einer Bürgerenergiegenossenschaft (BEG), in die die Wolfratshauser investieren und direkt profitieren können, kann man das ganze Potential heben: die Energiewende kommt voran, der Haushalt der Kommune profitiert, Gewinne bleiben vor Ort. 

In der folgenden Tabelle sind bereits erfolgreich umgesetzte Lösungsoptionen aufgelistet.

LösungBeschreibungUmgesetzt in…
Stadtwerke als AkteurKommunale Stadtwerke können als professioneller Akteur vor Ort Kompetenz aufbauen und die unten genannten Lösungen umsetzen.Pfaffenhofen, Amberg,
Bad Tölz,
Penzberg
Maßnahmen zur Senkung des StrombedarfsMaßnahmen wie bedarfsgerecht gedimmte Beleuchtung mit Bewegungsmeldern oder Einbindung Unternehmen in eine Stromspar- StrategieTübingen 
Bürgerenergie-
genossenschaft (BEG) in Kooperation mit Stadtwerken
Viele Bürger:innen möchten ihr Geld auch in nachhaltige Produkte investieren. Eine BEG ermöglicht die Investition vor Ort und schont den kommunalen Haushalt.Berg, Herrsching,
Amberg,
Peißenberg
PV-Miet- und PachtmodelleStadtwerke pachten geeignete Dächer und errichten dort PV-Anlagen. Auch für Mieterstrommodelle.Amberg, Bamberg,
Bad Tölz
PV-PflichtVorgabe zum Einbau von Photovoltaikanlagen oder Solarthermie auf Neubauten.Pfaffenhofen, Amberg, Erlangen, Würzburg
PV-Ausbau auf öffentlichen FlächenBrachflächen, wie Gleisdreiecke, Seitenstreifen, u.a. werden für Freiflächen-PV genutzt. Penzberg,
Bad Tölz,
Peißenberg
Förderung von PVZuschuss beim Bau PV-Anlagen (auch Balkonkraftwerke) und Stromspeichern.Weiterbetrieb von Ü20-Anlagen. Amberg
z.T. Wolfratshausen
Förderung von stromsparenden GerätenAbwrackprämie zur Förderung von energieeffizienten Haushaltsgeräten, wie Kühlschrank, Gefrierschrank, Waschmaschine oder Wäschetrockner.Amberg
Ausbau von Wind- und WasserkraftDas Potential auf gemeindeeigenen Gebiet oder in der Umgebung wird zusammen mit einer Bürgerenergiegenossenschaft gehoben.Landsberg, Berg
QuartierspeicherDezentrale Batteriespeicher in Wohnvierteln reduzieren Kosten und es muss sich nicht jeder eine Batterie in den Keller bauen.Groß-Umstadt
QuartierstromEnergiegemeinschaft in einem Wohnviertel. Unter “Energy Sharing” (Energieteilung) auch eine EU-Richtlinie, die in Deutschland noch nicht umgesetzt wurdeGilchingAndechs,
Kaiserslautern
Wolfratshausen an einem kalten Wintermorgen: unzählige fossile Heizungen am Werk – zu erkennen an den rauchenden Kaminen.
Quelle: Privates Foto Jan Reiners

Wärmewende

Wenigstens 50% des Stroms im Oberland kommen aus erneuerbaren Energien – vor allem dank der Wasserkraft, die meist vor gut 100 Jahren errichtet wurde. Dagegen sieht es bei der Wärmeproduktion deutlich schlechter aus: nur gut 15% der Energie für Wärme stammt aus erneuerbaren Quellen. Damit sind wir leider sehr abhängig von Öl und Gas. Und über Wolfratshausen sieht man im Winter viele Kamine rauchen.

Weniger bekannt ist, dass Dänemark als Konsequenz der Ölkrise bereits seit 1979 eine Wärmewende eingeleitet hat, mit dem Ziel, unabhängiger von importierten Brennstoffen und zunehmenden Energiepreisen zu werden. Heute wird dort über 60% der Wärme aus erneuerbaren Quellen erzeugt. Kann man also von Dänemark lernen? Ja, und viele Gemeinden und Städte in Deutschland tun das schon!

Fernwärme ist ein Eckpfeiler im grünen, effizienten Energiesystem Dänemarks und trägt zur Erreichung der langfristigen Energieziele bei. Das Fernwärmenetz hat den großen Vorteil, dass Warmwasser sowohl tageweise als auch von Sommer bis Winter saisonal gespeichert werden kann. Solarwärme, Industrieabwärme oder Stromüberschüsse lassen sich in das System einkoppeln, wenn sie verfügbar sind und wieder auskoppeln, wenn die Wärme benötigt wird. Darüber hinaus wird systematisch in die energetische Sanierung von Gebäuden investiert, da 85% der Gebäude, die 2050 genutzt werden, heute schon existieren. Dies alles fordert auch der deutsche Städtetag in einem Positionspapier.

Was lässt sich davon auf Wolfratshausen übertragen?

Wolfratshausen möchte sich an der Fernwärme von Geretsried beteiligen, sollte das Geothermieprojekt auf dem Gut Breitenbach in Gelting von Erfolg gekrönt sein. So wie Dänemark auch können wir aber schon heute mit einer nachhaltigen Wärmewende starten und Fernwärme systematisch ausbauen. Neben der Geothermie können Abwärme von der Industrie, der Kläranlage, Sonnenkollektoren oder auch Quartiers-Wärmepumpen und saisonale Speicher für die Wärme in unseren Häusern sorgen. So muss nicht jeder einzelne sich eine Wärmepumpe kaufen und unsere Stadt wird Stück für Stück unabhängig von fossilen Energien. Des weiteren kann die energetische Sanierung unterstützt werden.

LösungBeschreibungUmgesetzt in…
Stadtwerke als AkteurKommunale Stadtwerke können als professioneller Akteur vor Ort Kompetenz aufbauen und die unten genannten Lösungen umsetzen.Amberg,
Bad Tölz,
Penzberg 
Beratung der Bürger:innen bei der energetischen SanierungGezielte Beratung über die lokalen MöglichkeitenAschaffenburg Erlangen
Tübingen
Energetische Sanierung von öffentlichen GebäudenErstellung und Umsetzung von energetischen Gesamtkonzepten bei öffentlichen Gebäuden wie z.B. Turnhallen.Marktoberdorf
Tübingen
„Energiespar-
Contracting“ für öffentliche Gebäude
Ein Energiedienst-leister übernimmt die energetische Sanierung und das Energie-management. Seine Kosten refinanziert er über die gesparten Energiekosten.Zimmern ob Rottweil
Fernwärmenetz aufbauenQuartier für Quartier wird das Fernwärmenetz auf- und ausgebaut. Unterhaching, Penzberg,
Gilching,
Schwabsoien 
Abwärme von Industrie nutzenOb Bäckerei, Krankenhaus oder Klärwerk: Wärme entsteht bei den meisten technischen Anlagen als Nebenprodukt. Man kann diese nutzen, statt verpuffen zu lassen.Frederikssund
Madrid
Balhorn (Hessen)
Tübingen
Saisonaler SpeicherWärme aus Abwärme, Stromüberschuss oder Solarthermie wird im Sommer in unterirdischen Speichern eingelagert und im Winter verbraucht.München,
Hamburg
Quartiers-
Wärmepumpen
Damit nicht jedes Haus eine eigene Wärmepumpe / Heizung betreiben muss, kann in Kombination mit einem Nahwärmenetz auch eine Erdwärmepumpe für Wärme sorgen.Neckarsulm
Direkte Förderung von energetischer Sanierung oder WärmepumpenZuschüsse von der Kommune können bei der Finanzierung von Investitionen in Energiesparmaßnahmen helfen. Puchheim
Filderstadt

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