“Energiewende ins Nichts?”

Windkraft
Quelle: Eigenaufnahme

Mit dem Buchtitel “Energiewende ins Nichts” machte ein prominenter Ökonomie-Professor 2013 Stimmung gegen erneuerbare Energien, die aus seiner Sicht ein technischer, ökonomischer und ökologischer Irrweg Deutschlands sei. Und natürlich war und ist er damit nicht allein – über die Jahre wurden viele wiederkehrende Argumente gegen die Energiewende ins Feld geführt. Wie sehen diese Argumente nach heutigem Stand der Wissenschaft aus und was hat das mit uns vor Ort zu tun?

Themen

Was ist die Energiewende?

Die langfristigen klimapolitischen Ziele der Welt sind nur erreichbar, wenn alle Sektoren des Energiesystems konsequent auf nahezu emissionsneutrale Energiebereitstellung umgestellt werden. Alle Sektoren sind Strom, Wärme, Transport, Produktion, … einfach alles muss auf Energie aus Kohle, Öl und Erdgas verzichten. Dies wird auch unter dem Begriff Dekarbonisierung verstanden. Diese Sektoren machen immerhin 73% der weltweiten Emissionen aus und sind damit entscheidend im Kampf gegen die Erderhitzung.

Weltweite Anteile der CO2-Emission pro Sektor
Weltweite Anteile der CO2-Emission pro Sektor. Quelle OurWorldinData.org. Lizenz CC-BY

Strom ist der zentrale Energieträger auf dem Weg hin zu einem klimaneutralen Deutschland, da er ohne CO2 erzeugt werden kann. Gleichzeitig ist Strom viel effizienter im Vergleich zur Verbrennung von fossilen Energieträgern. So entsteht bei der Verbrennung in einer Ölheizung nur zwischen 70-85% Wärme, während bei einer Wärmepumpe aus 1 kW Strom über 300% Wärme entsteht. Und bei einem Fahrzeug mit Verbrennermotor wird max. 40% der Energie im Benzin auch in Bewegung umgesetzt. Bei einem eAuto sind es dagegen bis zu 95%. Wenn also Strom als Hauptenergieträger für alle Sektoren ist – die sogenannte Sektorenkopplung, spart man einerseits viel Primärenergie ein (die Verluste von Kohle, Öl und Gas), gleichzeitig steigt der Strombedarf.

Damit unser Land klimaneutral werden kann, muss bis 2030 mindestens 70% des Stroms CO2-arm sein. Deutschland-weit wird Photovoltaik (56%) und Windkraft (39%) den größten Anteil an der Produktion haben. Der Ausbau der Kapazität dieser beiden Techniken ist somit das Schlüsselelement für das gelingen der Energiewende und damit de facto unser größter Hebel im Kampf gegen die Erderhitzung.

Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland bis 2045.
Quelle: Studie Agora Energiewende u.a.; Lizenz CC-BY

Wie teuer ist die Energiewende?

Skeptiker argumentieren gerne, dass die Technologie noch nicht ausreichend sei um Deutschland CO2-neutral zu versorgen. Diese sei zu unsicher, zu teuer sei und wir auf die Entwicklung weiterer Innovationen warten müssen. All dies stimmt heute nicht mehr:

  • Die Technologie rund um PV und Windkraft gilt heute als so gut entwickelt, so dass diese Weltweit Strom am günstigsten produzieren kann (siehe Grafik). Die Kosten, die der Privatverbraucher wahrnimmt, sind im wesentlichen Umlagen die die Politik entschieden hat.
  • Auch die Technik zur Überbrückung von Dunkelflauten – ob Stromleitungen, flexible Stromerzeuger und Elektrolyseure oder Speicher – die Technik ist bereits vorhanden.
  • Und selbst alle Technologien , um das Stromnetz stabil zu halten existieren schon.

Wird der Umbau unseres ganzen Energiesystems und der Industrie nicht trotzdem teuer? Es kommt auf den Vergleich an. Eine aktuelle Studie hat errechnet, dass allein bis 2030 rund 460 Milliarden Euro öffentlich finanziert werden müssen – von staatlicher Infrastruktur bis hin zu Unterstützung von private Investitionen. Das entspricht gut
60 Milliarden Euro pro Jahr.

Auf der anderen Seite haben wir im letzten Jahrzehnt zwischen 60 bis 100 Milliarden Euro pro Jahr ausgegeben für den Import fossiler Energieträger.

Und auch die Kosten für Umweltschäden durch für Kohle, Gas und Öl werden bis heute kaum eingepreist. Die deutschen Treibhausgas-Emissionen im Jahr 2019 haben Umweltkosten von mindestens 156 Milliarden Euro verursacht. Allein für den Wiederaufbau im Ahrtal und anderer sturzflut-betroffener Gebiete werden 30 Milliarden Euro verwendet.

PV und Windkraft sind in nur 10 Jahren günstiger geworden als alle anderen Stromquellen. Quelle: OurWorldInData

Schadet die Energiewende der Umwelt?

Alles was der Mensch tut, hat auch Einfluss auf die Umwelt. Aber auch hier kommt es bei der Energiewende auf den Vergleich mit der Alternativen an:

Fläche: Windkraft wird beim Ausbau Fläche benötigen. Man geht je nach Studie von einer Verdopplung der Anlagenanzahl auf bis zu 65.000 Onshore aus, was 26.000 ha Land entspricht. Im Vergleich dazu benötigte allein Braunkohle 177.309 ha, von denen 53.000 ha bislang nicht rekultiviert wurden und Autobahnen im Land beanspruchen 263.000 ha. Bei PV kann man dagegen viel schon überbaute Flächen mit Dächer und Parkplätze nutzen. Und bei Nutzung als Freiflächenanlagen scheint PV sogar die Renaturierung von vorher intensiv genutzter Landwirtschaftsfläche zu bewirken.

Artenschutz: Windkraft führt allerdings auch zu Schäden bei Vögeln und Insekten. Man geht von 100.000 Vögeln/Jahr in Deutschland aus. Aber auch hier relativieren sich die Zahlen im Vergleich. Rund 18 Millionen Vögel sterben jährlich in Deutschland an Glasscheiben und noch viel mehr im Straßenverkehr oder durch Katzen.  Dass macht das Sterben nicht besser, setzt es aber in ein anderes Verhältnis.

Und letztlich: eine ungebremste Klimaerhitzung wird auch zu einem Artensterben führen. Bei einer Erderwärmung um mehr als 3°C sind demnach ein Drittel der auf dem Land lebenden endemischen Arten vom Aussterben bedroht. Die Option des nicht Handelns ist definitiv die schlechteste.

Was hat es mit uns zu tun?

Wir brauchen also dringend eine Energiewende – auch bei uns in Bayern. Gut die Hälfte der Stromerzeugung in Bayern wird derzeit durch PV und Wasserkraft gedeckt. Laut der TU München ist ein starker Zubau von Photovoltaik, Windkraft und Batteriespeichern notwendig.

Und auch bei uns im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen erzeugen gerade mal die Hälfte des Stroms mit erneuerbarer Energie – im wesentlichen durch Wasserkraft aus Kochel. PV war noch unter 10% in der Studie der Energiewende Oberland und Windkraft kein Thema. Laut Energie-Atlas Bayern scheint der Erneuerbare Energien-Anteil auch von Wolfratshausen selber mit <25% im Vergleich mit den Nachbargemeinden sehr unterdurchschnittlich zu sein. Dies alles sind Gründe endlich auch bei uns mehr PV, mehr Wasser- und Windkraft in der Stadt und im Landkreis auszubauen. Daher brauchen wir die Energie- und die Wärmewende bei uns vor Ort.

Fazit

Die Technik für eine Energiewende ist da und machbar. Es könnte sogar günstiger als heute werden, in einer klimaneutralen Welt zu leben. Es braucht jedoch die politischen Rahmenbedingungen und den Willen, dies auch umzusetzen. Zumal das Fortfahren in der heutigen zu teuren Katastrophen zu führen droht.

Reicht denn die deutsche Energiewende aus? Kann denn Deutschland allein die Welt retten? Mehr dazu in diesem Post.

Quellen und weiterführende Links

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